Dreimal die Woche auf dem Fahrrad mit einer warmen Suppe durch die Bremer City

Im Januar 1997 begann alles ganz einfach und doch mit viel Einsatz: Ich fuhr spontan mit meinem Fahrrad, bepackt mit selbst gekochter warmer Suppe, Brötchen und Kaffee los, um dies bei klirrender Kälte an Menschen ohne Wohnung zu verteilen.

Anlass für mich hierzu war ein Bericht in der Tagesschau, bei dem die Frage gestellt wurde, ob nachts die Bahnhöfe für Obdachlose geöffnet werden sollten. Da kam mir der spontane Gedanke, einfach eine Suppe zu kochen, aufs Fahrrad zu packen, und diese an die frierenden Obdachlosen zu verteilen und nicht immer selbst beruhigend zu denken, die öffentlichen Einrichtungen werden sich schon drum kümmern.

Dieser Gedanke ließ mich danach nicht wieder los, so dass ich während einer Talknacht bei Radio Antenne anrief, um auf diesem Wege eine breite Öffentlichkeit über das Problem als auch über mein Vorhaben zu informieren, Suppe per Fahrrad an Obdachlose in der Bremer Innenstadt zu verteilen. Diese Idee erfuhr schnell ihr erstes positives Feedback: Mein Vorhaben wurde spontan von einem Zuhörer mit DM 500,- unterstützt.

In der gleichen Nacht noch ging ich in die Innenstadt, suchte und traf auch dort nach kurzer Zeit einen Wohnungslosen, unterhielt mich mit ihm, um u.a. zu erfahren, wie es um die Hilfsangebote bezüglich Wohnungslose in Bremen überhaupt bestellt war. Wir vereinbarten als Treffpunkt den Marktplatz und er versprach, dass er auch andere Betroffene über die Suppenverteilung informieren würde.

Zu dem abgesprochenem Termin und Ort erschien ich mit meinem in vielen isolierenden Decken eingewickelten Suppentopf etwas später als vereinbart mit der Folge, dass viele bereits den Treffpunkt wieder verlassen hatten. Mir wurde klar, an einem bestimmten Ort zu stehen und zu warten bis jemand kommt, bringt nichts und ich beschloss, die Menschen dort aufzusuchen, wo sich ihr Lebensmittelpunkt in ihrer spezifischen Situation normalerweise befindet, an den Orten also, wo sie normalerweise leben und betteln. 

Damit war der Anfang gemacht. So ging es von da an drei Mal in der Woche durch die Stadt: Von der Neustadt bis zum Hauptbahnhof. In der Innenstadt wurde ich bald von Obdachlosen und Bedürftigen erwartet. Schnell bekam ich meinen Spitznamen “Suppenengel”. Sie nannten mich so am Dom, in der Sögestrasse und am Bahnhof.

Bei meiner bisherigen Tätigkeit für die Initiative habe ich vor allem gelernt, dass auch das Selbstwertgefühl ein “Lebens-Mittel” ist und gleichrangig der Sorge für das leibliche Wohl zu sehen und zu behandeln ist.

Neben den Gesprächen und aufmunternden Worten stellte sich schnell heraus, dass es allein nicht damit getan war, Suppe und Kaffee an diese Menschen zu verteilen. Der eine benötigte einen Schlafsack, weil ihm der eigene gestohlen wurde, ein anderer wiederum brauchte Kleidung. Mit Hilfe von zahlreichen Zeitungsberichten, Radiosendungen und Fernsehbeiträgen über meine Arbeit kamen glücklicherweise auch die notwendigen Sachspenden herein. 

Heute ist der “Suppenexpress” eine feste Größe zwischen Domsheide und Hauptbahnhof. Vier Mal in der Woche, montags, mittwochs, donnerstags und freitags, rollt er. Zwischen 70 und 100 Personen nehmen inzwischen dieses Angebot gerne und dankbar an, und es sind inzwischen nicht nur Obdachlose, die versorgt werden, sondern viele Menschen, die an der Armutsgrenze leben. Gegen Ende des Monats steigt die Zahl der Bedürftigen zeitweise auf 180 Personen an. 

All dies zu bewältigen bedarf es inzwischen einer größeren Küche und eines Teams von derzeit 17 Mitarbeitern zur Vorbereitung und Durchführung unseres täglichen Essenangebots.

Seit September 2007 haben wir das Glück, die Küche in der St. Jakobi-Gemeinde Neustadt nutzen zu dürfen. Wir haben auch hier die Möglichkeit, eben nicht nur "ehemalige Obdachlose" aktiv in unser Team der Essensvorbereitung und des -ausfahrens einzubinden, sondern ihnen auch dabei zu helfen, ihre Tagesstruktur neu zu gestalten.

Das Team setzt sich zusammen sowohl aus ehrenamtliche HelferInnen als auch aus dem Kooperationspartner "Bremer Tafel" mit 3-4 Injobbern, die dazu beitragen, die Arbeit der Initiative zu organisieren und zu realisieren.

Seit Sommer 2006 gibt es ein zusätzliches und sehr erfolgreiches Projekt in Kooperation mit dem Schulzentrum des Sekundarbereichs 2 Neustadt Abt. Hauswirtschaft :

Es ist für uns wichtig, jeder neuen Ausbildungsgruppe eine Unterrichtsstunde zu geben, in der wir darüber informieren, wie schnell Menschen heutzutage oftmals schuldlos und immer öfter in Obdachlosigkeit und Armut - auch in Bremen - geraten können. Dadurch können wir den immer noch üblichen gängigen Vorurteilen in der Öffentlichkeit aufklärend entgegen wirken.

Die Entwicklung einer spontanen Idee wurde organisatorisch in die Form des Vereins "Initiative für Obdachlose und Bedürftige e.V." überführt, dem dann folgerichtig 2007 die Gemeinnützigkeit und Mildtätigkeit zuerkannt wurde, um mit noch mehr Effizienz und Engagement für die Bedürftigen da sein zu können.

Technisch-logistisch bedeutete dies, dass die Fahrräder nicht mehr nur wie bis dahin als Transportmittel im Rahmen der Essensversorgung dienten, sondern in dem jetzt erweiterten Rahmen die notwendige allgemeine Mobilität sicher stellten.

Erweitert heißt das auch bei uns :

  • Neu ankommende Obdachlose bekommen einen Überblick darüber, welche Einrichtungen es in Bremen für Dusche, Wäsche waschen, Kleiderkammern, Übernachtungen etc. gibt und wo diese zu finden sind.
  • Bei Fragen zu Ämtern wird aufgeklärt, wer der geeignete Ansprechpartner für konkrete Hilfe ist.
  • Bei Alkohol- und Drogenmissbrauch wird informiert, welche Kliniken für Entzug es gibt (auch außerhalb von Bremen) und wenn erforderlich, wird dabei auch Unterstützung bei der ersten Kontaktaufnahme gegeben.
  • Informationen werden gegeben, welche medizinische Nothilfe geleistet wird.
  • Unterstützung bei der Wohnungssuche wird geboten.
  • Falls ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist, werden Besuche abgestattet und Sorge für die notwendige Wäsche getragen.
  • Gegebenenfalls sind wir Ansprechpartner für die behandelnden Ärzte oder wir vermitteln sie.

Bei dieser Form der Selbsthilfe ist es wichtig, dass der erste Schritt von den Betroffenen selbst gemacht wird, wir dabei eher im Hintergrund verbleiben und sie erst bei möglichen Fehlschlägen direkt begleiten und stärken.

Kooperationspartner für uns im o.g. Sinne sind:

Weitere Kooperationspartner:


Wegen der erforderlichen Kapazitätserweiterung wünschen wir uns für die nähere Zukunft noch mehr Menschen, um dort für die vielen Betroffenen zu kochen und nicht zuletzt noch mehr Menschen, die auf der Straße leben müssen, die Möglichkeit zu eröffnen, bei uns aktiv mitzuarbeiten.